MUSIK | RAUM | ZUKUNFT

Michael Haefliger versteht intendantisches Arbeiten nicht allein als Programmgestaltung, sondern immer auch als Erschliessung neuer künstlerischer Räume. Während seiner Intendanz wurde räumliche Innovation folgerichtig auch zu einem prägenden Merkmal des Lucerne Festival. Ausgehend vom Kultur- und Konzertzentrum Luzern (KKL) als international renommiertem Zentrum des Festivalgeschehens entwickelte sich zwischen 1999 und 2025 ein vielschichtiges Netzwerk außergewöhnlicher Spielorte, architektonischer Visionen und ortsspezifischer Formate, das die Wahrnehmung des Festivals nachhaltig erweiterte.

Haefliger initiierte zahlreiche Projekte, in denen Architektur, Landschaft, Stadt und Musik zu einer gemeinsamen künstlerischen Erfahrung verschmolzen. Internationale Architekturbüros, bildende Künstler:innen, Theatermacher und Opernregisseur:innen wurden zu Partnern einer Festivalentwicklung, die räumliche Gestaltung als integralen Bestandteil des künstlerischen Konzepts verstand.

Die folgenden Projekte stehen exemplarisch für eine Intendanz, die Räume nicht als gegebene Infrastruktur begreift, sondern als gestaltbare Ressource. In seiner Vision definiert nicht das Gebäude definiert das Festival, sondern die künstlerische Idee, die einen Ort mit Bedeutung erfüllt.
Michael Haefligers künstlerische Arbeit ist vom Verständnis geprägt, das klassische Musik nicht als lineare Entwicklung von der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern als ein vielschichtiges kulturelles Gefüge begreift. Wie in einem Prisma entfaltet Musik ihre Bedeutung aus unterschiedlichen Perspektiven zugleich: historisch und zeitgenössisch, ästhetisch und gesellschaftlich, lokal und international. Aus dieser Haltung entstehen Festivalprogramme, die nicht nur Werke präsentieren, sondern Zusammenhänge stiften und ein überzeugendes Narrativ entwickeln.

Das Genre der Oper gehört für Michel Haefliger zu den vielleicht wichtigsten Errungenschaften der Klassik – jede Epoche seit Monteverdis Orfeo von 1600 verhandelt die Beziehung zwischen Wort und Musik, zwischen Szene und Klang neu und spiegelt die essenziellen Themen aus Gesellschaft, Kunst und Philosophie als multiple Perspektive.

Ob historisch informiert, als création eines Auftragswerks oder als unerhörter Hörblick auf Altbekanntes – die Oper ist nach Luigi Nono eine ‚Tragödie des Hörens‘, für Michael Haefliger ist sie ein Resonanzraum für die Zuhörenden der Zukunft.

RAUM | ARCHITEKTUR DES KLANGS

Realisierte Projekte

© Seraina Wirz

Internationale Aufmerksamkeit erlangte das Projekt Ark Nova, entwickelt 2011 nach dem Erdbeben von Fukushima als reaching out-Konzerthalle: gemeinsam mit dem japanischen Architekten Arata Isozaki und dem britisch-indischen Künstler Anish Kapoor konzipierte
Michael Haefliger eine mobile, aufblasbare Konzerthalle als Symbol dafür, dass künstlerische Exzellenz überall entstehen kann, als Zeichen der Solidarität mit den von der Katastrophe betroffenen Menschen, die in der Ark Nova Trost finden konnten. Nach vier verschiedenen Projekten in Japan (Matsushima, Sendai, Fukushima und Tokyo) konnte das Festivalpublikum im Abschiedsjahr von Mich Haefliger 2025 die Ark Nova in Luzern auf dem Lido erleben. Eine stilistisch offene Programmierung, zumeist freier Eintritt und die Situierung im Umfeld des idyllischen Vierwaldstättersees, in unmittelbarer Nähe zum Verkehrsmuseum boten dem Publikum eine sensationelle Erlebnistiefe zwischen Klang, Raum und sozialer Geste.

© Peter Fischli

Besonders exemplarisch für Michael Haefligers Verständnis einer Öffnung der Führungskompetenzen innerhalb der künstlerischen Organisation stellt das von ihm initiierte «Lucerne Festival Forward» dar, welches 2021 neu entstand. In der Zusammenarbeit mit dem damaligen Leiter der Lucerne Festival Academy, Felix Heri, und dem Dramaturgen Mark Sattler wurde das jeweilige zeitgenössische Programm des Festivals von Alumni und Alumnae eigenständig entwickelt. Zudem wurden neue Konzertformate an Orten jenseits des klassischen Konzertbetriebs – in Schwimmbädern, im Planetarium des Verkehrshauses, in Museen, Bars und weiteren Räumen mit niederschwelliger, ungewohnter Atmosphäre entwickelt. So entstanden neue Hörsituationen, die experimentelle Musikvermittlung mit höchstem künstlerischem Anspruch verbanden und zugleich ein jüngeres, neugieriges Publikum erschlossen.

© Patrick Hürlimann

Raum zu geben für die Teilhabe aller Bevölkerungsschichten ist eine weitere soziale Vision, die das Lucerne Festival dank Haefligers Initiative erfolgreich umsetzte: Im Public Viewing auf dem sogenannten Inseli am Ufer der Vierwaldstättersees wird die Naturumgebung in Steinwurfnähe zum KKL zur eigentlichen Schaustätte des Hörens. Hochkarätige Interpretationen erklingen losgelöst von Kleidungsetikette, Verhaltenskodex oder weiteren Realen oder imaginären Barrieren in bester Klangqualität als identitätsstiftendes Erlebnis für alle.

KONZEPTE FÜR RAUM- UND BAUKONZEPTE

1. SALLE MODULABLE

Projektbild Salle Modulable

Zu den herausragenden Initiativen von Michael Haefliger zählt auch das Projekt Salle Modulable, das gemeinsam mit internationalen Expertinnen und Experten entstanden ist und eine neue und einzigartige Musiktheatervision für Lucerne Festival und die Stadt Luzern gestalten sollte. Die Vision eines flexibel bespielbaren Musiktheater-Raums, ursprünglich bereits in den 70ern von Pierre Boulez für die Bastille-Oper in Paris angedacht, beeinflusste die internationale Diskussion über neue mobile Aufführungsräume als Spiegel zu den immer transdisziplinäreren Opern- und Musiktheaterkonzepten am Beginn des dritten Jahrtausends. Bei diesem Gemeinschaftsprojekt, gemeinsam geplant mit dem Luzerner Theater und weiteren wichtigen Kultur- und Hochschulplayern der Stadt Luzern, ging es Haefliger vor allem um die Stärkung der Musiktheaterkompetenz der Region Luzern für visionäre Veranstaltungen in einem offenen (Musik)Theaterraum.

Selbst der legendäre amerikanische Architekt Frank Gehry kam mit seiner Architekturklasse von der Yale University nach Luzern, um sich mit dem Projekt «Salle Modulable» auseinanderzusetzen. Die Arbeiten der Studenten wurden im «Gehry Book» festgehalten. Das Projekt wurde bedauerlicherweise aufgrund eines negativen Abstimmungsergebnisses durch das Luzerner Kantonsparlament im September 2016 nicht realisiert, blieb aber für andere Raumkonzepte Gehrys wegweisend, z.B. an der Barenboim-Saïd-Academy Berlin mit dem Pierre Boulez-Saal oder beim New World Center (Miami Beach, USA).

2. RAUM FÜR TRISTAN

Mit dem weltbekannten Architekturbüro Herzog & de Meuron und dem Regisseur Benedikt von Peter entstand 2018 das Projekt Raum für Tristan in Tribschen – ein ortsspezifisches Konzept, das Richard Wagners Lebens- und Schaffensort am Vierwaldstättersee zu einem unmittelbaren Erfahrungsraum von Musik, Architektur und Landschaft werden lassen sollte. Das Projekt wurde als Impuls für zahlreiche Inszenierungen in mehreren internationalen Opernhäusern aufgenommen und weiterentwickelt.

MUSIK UND BÜHNE - OPER und MUSIKTHEATER AM LUCERNE FESTIVAL

Michael Haefliger verfügt über eine außergewöhnlich breite und über Jahrzehnte gewachsene Erfahrung in der Konzeption, Produktion und Realisierung anspruchsvoller Musiktheaterprojekte. Seine Nähe zum Musiktheater reicht weit zurück: Bereits durch die internationale Opernkarriere seines Vaters Ernst Haefliger wurde er früh mit den künstlerischen und organisatorischen Anforderungen des Opernbetriebs vertraut.

Schon während seiner Intendanz des Davos Festival – Young Artists in Concert gehörten Opernproduktionen zum innovativen Nachwuchsförderprogramm. Junge Sängerinnen und Sänger, Instrumentalistinnen und Instrumentalisten sowie Dirigentinnen und Dirigenten arbeiteten dort bereits unter professionellen musiktheatralischen Bedingungen zusammen – ein Ansatz, der die Verbindung von Ausbildung und künstlerischer Exzellenz nachhaltig prägte. Kammer- oder Kurzopern, Auftragswerke und halbszenische Aufführungen erfolgten für Kompositionen von Ernst Toch, Sofia Gubaidulina, Toshio Horosawa unter anderem unter der Leitung des kaum 20jährigen Philippe Jordan.

Mit seinem Amtsantritt beim Lucerne Festival setzte Michael Haefliger unmittelbar ein programmatisches Zeichen für das Musiktheater. Bereits die Eröffnungsausgabe des Jahres 1999 präsentierte Othmar Schoecks Penthesilea in der Regie von Reto Nickler und unter der musikalischen Leitung von Mario Venzago. Die Produktion entstand unter den besonderen räumlichen Voraussetzungen des KKL Luzern, das ursprünglich nicht für Opernaufführungen konzipiert worden war. Gerade diese Herausforderung machte deutlich, dass Musiktheater
auch ausserhalb klassischer Opernhäuser auf höchstem Niveau realisiert werden kann.

In den folgenden Jahren entwickelte sich das Musiktheater zu einem festen Bestandteil des Lucerne Festival, oft auch in Kooperation mit dem Luzerner Theater. Michael Haefliger arbeitete dabei mit einigen der bedeutendsten Regisseurinnen und Regisseure sowie interdisziplinären Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit zusammen. Dazu zählen unter anderem Peter Sellars, Robert Wilson, Bill Viola, Lydia Steier, Tatjana Gürbaca, Barbara Frey, Joachim Schlömer, Daniel Jeanneteau, Michel van der Aa, Sophie Daneman sowie Uta Gruber-Ballehr. Das Spektrum reichte von historischer Oper über zeitgenössisches Musiktheater bis hin zu genreübergreifenden Produktionen, in denen Musik, Bildende Kunst, Video, Raum und Performance gleichberechtigt zusammenwirkten.

MUSIKTHEATER-PRODUKTIONEN (Auswahl szenisch, halbszenisch und konzertant) am Lucerne Festival (1999-2025)

1999

2000

2001

2004

2006

2007

2008

2009

2010

2011

2013

2014

2016

2017

2019

2021

2022

2023-2025

2024

2025